Hannah

Meine Hündin Hannah hat 13 Jahre meines Lebens mit mir geteilt. Sie kam hier zur Welt und ist auch hier gestorben. 13 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Damals ging meine Tochter gerade zur Grundschule, heute ist sie erwachsen und lebt in einer anderen Stadt. Wir haben schon vieles gemeinsam erlebt in diesen Jahren. Dabei sollte Hannah eigentlich gar nicht bleiben. Ihr Bleiben ist einem Unfall geschuldet, den sie mit 8 Wochen mit ihrer Großmutter hatte und bei dem sie eine ziemliche Beule auf dem Nasenrücken davontrug. Hannah Hörnchen wurde sie danach genannt. Hannah musste niemand beibringen, wie man sich im Leben wohlfühlt. Sie hatte ein sonniges Gemüt und die Fähigkeit, unter nahezu allen Umständen zufrieden zu sein. Ihr Charakter machte es ihr leicht: sie musste nie ein Kuscheltier bewachen wie z. B. Paul. War ihr Lieblingsplatz besetzt, geriet sie nicht in Unruhe wie Manou – sie nahm einfach einen anderen. Sie hatte keinerlei Ambitionen, die Führung zu übernehmen. Oder das Rudel zu bewachen. Gearbeitet hat sie sehr solide, aber keineswegs grandios. Eine Zeit lang entwickelte sie mit ihrer Halbschwester Manou eine verhängnisvolle Strategie: Hannah stöberte das Wild auf und Manou setzte ihm nach. Das haben wir dann unterbunden.

Und so einiges in ihrem äußeren Erscheinungsbild war nicht im Golden-Standard zu finden. Aber die abfallende Kruppe, gebogene Rute und etwas aus dem Rahmen fallenden Kopf machte sie mit Charme wett – alle fanden, dass sie sehr nett aussah. Und das war sie auch, freundlich zu jedem Hund, jedem Tier und vor allem zu jedem Menschen. An ihrem Verhalten konnte man immer genau erkennen, um was für einen Hund es sich handelt. Wenn sie einen großen Bogen um ihn machte, dann war mit diesem Hund nicht gut Kirschen essen. Niemals in ihrem Leben geriet sie in einen Konflikt mit Artgenossen. Dabei hatte sie eine echte Vorliebe für Hunderiesen – Bernhardiner oder Doggen konnte sie herzerweichend anschmachten. Leider waren auch ihre Zähne eher schief, was eine Zuchtkarriere ausschloss. Für das Wesen war es wirklich schade, aber sie konnte wunderbar mit Welpen spielen und sich um sie kümmern. Noch in den letzten Jahren war sie eine hingebungsvolle Tante für Manfred, unseren Rüden. Jederzeit zu einem Spiel bereit, es genügte schon eine kleine Aufforderung. Überhaupt gespielt – keiner unserer Hunde hatte einen so ausgeprägten Sozialkontakt zu jedem anderen Hund im Rudel wie sie. Außer zu ihrer Mutter – sie bevorzugte Hannahs Halbschwester und hat nach deren Geburt nicht mehr mit Hannah gespielt – das sage mal einer, dass das Leben gerecht sei. Aber die anderen Hunde haben Hannah entschädigt. Hannah konnte jederzeit in einen totalen Entspannungsmodus umschalten – auch wenn das Leben um sie tobte. Sie lag einfach auf dem Rücken auf irgendeinem Sofa und schlief. Andererseits konnte sie auch lange Zeit im Garten sitzen und alles in sich aufnehmen. Mit der Nase, mit den Ohren, aber vor allem mit den Augen. Sie war ein ausgesprochener „Seh-Hund“. Ich habe mich oft gefragt, was sie da so alles registriert mit allen Sinnen – ganz versunken in das Hier und Jetzt.

Der Sommer war sicher ihre Lieblings-Jahreszeit, ausgiebige Sonnenbäder inklusive. Und der Herbst, denn da konnte man im Garten so manches Fressbare finden. Fressen war auch eine besondere Leidenschaft. Zugegeben – gerochen hat sie nicht immer gut. Kein anderer Hund hat es bisher geschafft, bei fast jedem Spaziergang ein übelriechendes Parfum zu finden und sich darin zu wälzen. Und dennoch, sie schaffte es immer, mich allein durch ihre Anwesenheit und ihr Wesen ein Stück weit besser gelaunt zu machen. Und nichts war so tröstlich in Unglück oder Krankheit wie Hannah, die zuverlässig wie ein Fels in der Brandung neben einem saß oder lag. An ihren letzten Stunden hat sie mir noch etwas beigebracht: auch das Sterben braucht Zeit und am besten jemand, der neben einem sitzt. Erstaunlicherweise hatte ich so ein Gefühl, das mich nach ihr sehen ließ. Und da war mir eigentlich klar, dass es zu Ende geht. Leider habe ich meinem Gefühl nicht getraut und sie noch einmal zum Tierarzt gebracht. Aber dann war sie doch zu Hause in ihrem Korb und das Sterben hat nicht viel länger gedauert als ihre Geburt. Da gab es keine Regenbogenbrücke, es war eine ganz irdische Angelegenheit. Aber „Energie geht nicht verloren“, belehrte mich mein Sohn.Wenn ich etwas von Hannah gelernt habe, die in keiner messbaren Leistung ausgewöhnlich war und mein persönlicher „Luxushund“, dann das: Sich mit sich selbst, den anderen und der Welt in diesem ganz alltäglichen Leben wohlzufühlen. Und wenn sie wieder Energie geworden, dann ganz sicher als „Good vibrations“…

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